Aktuell: Unendlich scheinender Kampf zwischen traditionellen Religionen und Christentum

(nach Amos Safo / africanews Nairobi)

[Vorbemerkung: im Folgenden dokumentieren wir eine in ganz Westafrika an Heftigkeit zunehmende Diskussion. Ohne uns einer der beiden Positionen ausdrücklich anschließen zu wollen, halten wir das Thema für wichtig genug, dass sich auch in der afrikanischen Diaspora darüber Gedanken gemacht werden und stellen das Problem hiermit vor:]

In den letzten Monaten seit Anfang 2000 hat sich in Ghana ein schon länger schwelender Konflikt ausgebreitet, als Anhänger der „
Africana Renaissance Mission" ihren Protest gegen den christlichen Religionsunterricht auf die Straße trugen. Voraus gegangen war ein Ultimatum bzw. eine Drohung der Ältesten, Priester und Priesterinnen sowie Abgesandter der Anhänger dieser traditionellen Religion, die auf einem Treffen Angelegenheiten ihrer Religion debattierten.
Osofor Kofi Amevor, der Leiter der Africana Renaissance Mission, die die Wiederauferstehung traditioneller Religion voran treibt, sagte in einer Pressemitteilung, dass die ARM nach Untersuchungen über den moralischen Verfall von Ghanas Gesellschaft und die gegenwärtige Verbrechenswelle davon überzeugt ist, dass das Christentum, die vorherrschende Religion in Ghana, versagt hat. In einer Resolution drängte die ARM die Regierung, als vordringliche Maßnahme die christliche „Indoktrinierung" der Kinder in staatlich unterstützten Schulen zu beenden, die Lehrer davon ab zu halten, die Kinder zu zwingen, christliche Gebiete und Lieder zu lernen und statt dessen den Unterricht in African Traditional Religions / ATR als unabhängiges Unterrichtsfach in Schulen, Oberschulen und Universitäten einzuführen. Die ARM argumentiert, es sei unfair für den Staat, Lehrer nur dafür zu bezahlen, dass sie in einem säkularen Staat wie Ghana die Schüler die Doktrin nur einer Religion lehren. Ihrer Meinung nach werden die Kinder damit ihrer Menschenrechte beraubt. „Die Kinder müssen ihr unveräußerliches Recht auf eigene Religionswahl erhalten, wenn sie aufwachsen. Dies wird in allen zivilisierten Ländern in Europa und Amerika, die Ghana doch so bewundert, genauso gehandhabt." Weiterhin argumentiert die Africana Mission, dass außer der Schaffung eines Grabens zwischen Kindern und ihren Eltern der Unterricht der christlichen Tugenden in öffentlichen Schulen dem Land keinerlei wünschenswerte Ergebnisse gebracht hat. Hinsichtlich des Unterrichts traditioneller Religion in allen öffentlichen Schulen stellt die Resolution fest, dass die derzeitige Situation, in der African Traditional Religions nur ein Anhängsel des Fachs „ausländische Religionen" ist, für Lehrer und Schüler unbefriedigend ist.
Die Aufnahmepraxis ghanaischer Universitäten, die A.T.R. nicht mehr als Eingangsvoraussetzung akzeptieren, wird als unglücklich bezeichnet. Dies sei unfair und diskriminierend, A.T.R. muss nach Auffassung der A.T.M. ebenso als Uni-Aufnahmebedingung anerkannt werden, wird in der Resolution gefordert.
Unglücklicherweise für die Africana Renaissance Mission wird eine
große Zahl der Grundschulen wie auch der Einrichtungen des tertiären Sektors von christlichen Missionen geleitet. So reagierte ein christlicher Kirchenführer auf diese Forderung mit der Bemerkung, „die traditionellen Gläubigen müssen ihre eigenen Schulen und Universitäten bauen, um sicher zu stellen, dass niemand ihre Kinder indoktriniert". Ob sie die Fähigkeiten dazu haben, muss sich erst noch heraus stellen.

Gleichzeitig ist die A.T.M. noch im Mittelpunkt einer weiteren landesweit geführten Debatte um
die Abschaffung des „Trokosi" - Systems. Hierbei werden junge Mädchen in einem traditionellen Heiligtum versklavt als Sühne für Sünden ihrer Eltern oder weiterer Verwandter. Obwohl sie sich selbst gar nichts zu schulden kommen ließen, sind diese unschuldigen Opfer normalerweise Zeit Lebens dazu verdammt, in der Obhut des Heiligtums zu leben, wo sie als billige Arbeitskraft und darüber hinaus als unfreiwillige Frauen der Heiligtums - Priester gehalten werden. Manche von ihnen haben Dutzende von Kindern geboren, während sie in Abhängigkeit lebten. Die Trokosi - Angelegenheit wurde vor drei Jahren öffentlich gemacht durch wiederholte Presseberichte über Menschenrechtsverletzungen bei den Opfern. Nach den Berichten gewährte die Kommission für Menschenrechte und staatliche Gerechtigkeit rechtliche Unterstützung und öffentliche Information, um die Freilassung Hunderter Opfer zu erreichen, die zum Teil seit ihrem achten Lebensjahr an ein Heiligtum gebunden waren. Einige von ihnen lernen jetzt verschiedene Berufe unter Mithilfe von Nichtregierungsorganisationen wie Plan International, International Needs, Amnesty International oder anderen. Obwohl diese Praktiken vehement von der ghanaischen Öffentlichkeit und einigen Mitgliedern der internationalen Gemeinschaft abgelehnt wurden, weigert sich die Africana Renaissance Mission, diese Praxis auf zu geben und zeigte ihre Bereitschaft, für den „Erhalt afrikanischer Werte" zu kämpfen. Bei einer nationalen Zusammenkunft im letzten Jahr wurden von Anhängern der traditionellen Religionen die Regierung und die Öffentlichkeit stark kritisiert, weil sie eine der letzten Bastionen traditioneller Religion aufgeben wolle. Mit aller Macht wollen sie für den Erhalt des Systems kämpfen.
Während der Revolutionen 1979 und 1981 wurde der Africana R.M. eine besondere Bedeutung im öffentlichen Leben zu Teil. Der Mission wurde ein täglicher 30-Minuten -Radiospot zugestanden, um ihre Ideen zu verbreiten. An allen wichtigen christlichen und islamischen Feiertagen durften sie ihre Meinung dazu veröffentlichen. Mit der Annahme der vierten republikanischen Verfassung 1992 scheint die Mission ihren wichtigen Platz in nationalen Angelegenheiten verloren zu haben.

In den letzten drei Jahren gab es immer wieder Zusammenstöße zwischen Christen und Anhängern traditioneller Religionen, besonders des
Ga Traditional Councils, des Eigentümers des Lands von Accra, der Hauptstadt Ghanas. Grund dafür war das „Homowo" - Fest, in dessen Verlauf Trommeln und exzessives Lärmen für die Dauer eines Monats verboten sind. Homowo heißt wörtlich Hunger vertreiben und wird zum Auftakt der Feldsaison gefeiert. Das Fest wird jährlich im August gefeiert, doch beschließt der traditionelle Rat regelmäßig eine einen Monat dauernde Ruhezeit, ein Verbot, zu trommeln. Diese Anordnung hat in den letzten Jahren immer wieder zu Zusammenstößen geführt zwischen Anhängern des Councils einerseits und den Christen auf der anderen Seite, die argumentieren, durch Gesetze der traditionellen Religionen nicht gebunden zu sein. Vor zwei Jahren wurden mehrere Kirchen von Ga - Jugendlichen gestürmt, weil die Christen die Anordnung missachtet hatten. Die Christen wurden zusammen geschlagen, ihre Instrumente zerstört und ihre Einrichtungen weggeschleppt. In diesem Jahr wurde der Schweigemonat in Ruhe gefeiert, nachdem auf Aufforderung des Greater Accra Security Councils eine „Friedenspfeife zwischen den beiden Anführern der beiden Religionen geraucht" worden war. Das täuscht aber nicht darüber hinweg, dass der Konflikt zwischen traditioneller und christlicher Religion sich jeden Tag in größeren Zusammenstößen entladen könnte.

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